Carl Spitzweg: Hexenmeister
Liebe Leserinnen und Leser,
gerade halte ich mich in dem Städtchen Marktredwitz unweit der tschechischen Grenze auf. In den Buchhandlungen hier kann man erfahren, wie sehr es im 30-jährigen Krieg hin- und hergegangen ist: absolut furchtbar; landschaftlich jedoch muß dieser Landstrich in Böhmen – aber am/im Fichtelgebirge – wozu er eigentlich gehört – paradiesisch gewesen sein.
Gewesen sein: denn das ist er heute nicht mehr. Wie jede andere deutsche Kleinstadt ist Marktredwitz, oder „Rawatz“ eingeklemmt zwischen Bundeststraße und Autobahn, wodurch es (wie sonstwo auch) nahezu unmöglich ist, dem ewigen Surren der großen Maschine auch nur für Augenblicke zu entkommen. Gleich jenseits des Stadtzentrums beginnt die Verwahrlosung der Zweck- und Kommerzialbauten mit einem nur in Gradstufungen zu unterscheidenden Potpourri kaum zu überbietender Geschmacklosigkeit, die spätestens nach dem 2. Weltkrieg in ganz Europa mit Verrohnung und Verkitschung besonders in den Wintermonaten jedem sensiblen Lebewesen eine Dauerdepression aufzwingt, der man durch Zuzug in die relativ herausgeputzten Großstädte mit ihrer Konsumparty zu entkommen versucht.
Das ist aber nicht der Grund, warum in Marktredwitz in der immerhin noch einigermaßen erhaltenen Altstadt (gleichwohl durch schockierende Stilbrüche „aufgelockert“) praktisch jeder zweite Laden so gähnend leersteht, man sich selten Zeit nahm, überhaupt auszufegen, oder wenigstens die Schaufenster zu säubern.
Einen Anteil an diesem Zustand hat – wie praktisch überall andernorts auch – das winters geheizte ortsansässige Einkaufslabyrinth – in dem z.Zt. eine offenbar zur Unterhaltung gedachte Ausstellung „Horoskopia“ die Astrologie mit skurrilen Billigpuppen zu Werbezwecken verwendet. Beides – Einkaufslabyrinth mit den immergleichen Marken und lebendiger Einzelhandel in den Innenstädten, das geht logischerweise nicht, und so wird mehr oder weniger den wirklich interessanten Läden zugunsten der Ketten und der Pkw-Erreichbarkeit ganz bewußt das Wasser abgegraben.
Ein erbärmlicher Zustand. Bayern ist vielleicht im Sommer der „Vorhof zum Paradies“ – aber nur, weil uns die Natur den Gefallen tut (trotz Agrarwüsten und Sonnen-Kollektor-Äckern), die Unerträglichkeiten der Stadt- und Dorfplanung gnädig zu bedecken.
Deswegen sind Politiker-Parolen so billig.
Auf einer tieferen Ebene geht es aber um das Thema „Mensch und Technik“ – für das es bemerkenswerterweise – noch nicht mal in diesem Blog – irgendein Publikum oder Interesse gibt, so tief hat die verlogene naturwissenschaftlich/technische Zauberei sich Gedanken-abtötend in alle Gemüter gefressen: ein gefährliches Vakuum im Geiste, das selbst durch Tschernobyl und Fukushima bislang zu keinem globalen Erwachen aus dem Wahnsinn geführt hat. Die Betonung liegt auf „verlogen“ – denn um die Technik menschenfreundlich integrieren zu können – loswerden können wir sie nicht – müssen erst die üblen Täuschungen überwunden werden, die mit dem zivilisatorischen Grund-Koan der untersinnlichen Verzifferung der Welt so verbunden sind, daß sie ein Gefängnis des Geistes bedeuten. Selbst wohlmeinende Interpreten können sich kaum vorstellen, daß es keinen Konkurrenzkampf zwischen Geist und Technik gibt, sondern daß die Naturwissenschaft, das eigene Ideal dauerhaft verratend in wesentlichen Punkten balkenbiegend lügt, bis hin zur angeblichen Mondlandung. Wenn eine Lüge so groß geworden ist, kann sie nicht ohne Gefahr für die gesamte Zivilisation ausgeräumt werden.
Jedoch: eines ist es, den Zustand zu bemerken; ein anderes, sich dagegen zu stellen und die richtige Wahrheit zur richtigen Zeit zu tun:
„Die Wirklichkeit von Freiheit und menschenwürdigen … Zuständen ist immer auch ein technisches Problem, daß durch eine entsprechende moralische Technik zu lösen ist“, schreibt Christoph Lindenberg.
Auch – es sei hier wiederholt gesagt – der ganze angebliche Abhörglaube (und daran der Skandal) ist kein Geheimdienstproblem, sondern eine grundsätzliche Frage von Mensch und Technik, der Heilung des 3. Auges – wo Technik Sinn und Zweck macht, so wir mal verstehen, was Technik im Tiefsten eigentlich ist: vielleicht fühlen wir uns deshalb von der Verwahrlosung unserer Umwelt besonders betroffen.
Daher ist wieder bemerkenswert, daß zauberhaft viele geistreiche Menschen das Fichtelgebirge wichteln – aber sie sind alle anonym und inkognito oder nach Australien ausgewandert (Wiederkehrer, Wanderer), spielen die Orgel in Oberredwitz.
Mit freundlichen Grüßen,
Markus
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