Hat Recht, pan Specht …

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Liebe Leserinnen und Leser,

weil ich, wie ihr wisst, in Prag an einem Europäischen Projekt arbeite, bin ich des öfteren in den öffentlichen Cafés, denn wo ich wohne, gibt es für mich keinen Netz-Anschluss. Das ist mal gar nicht schlecht, einige grundsätzliche Überlegungen werden dadurch erst möglich, die ohne Abstand zum Netz nicht gemacht werden könnten. Dort, wo ich gerade sitze (Cafebistro Pointa) – Mond nähert sich dem rückläufigen Pluto im Steinbock – und ist deshalb extra „hart drauf“ – dudelt gewohnheitsmäßig jene us-amerikanische Muzak – die überall auf der Welt jaulende, kastratig klingende junge Männer (und Frauen) pseudo-rhythmisch „marschierend“ in den Zivilisations-Abgesang einbindet, dass einem wahrhaft Hören und Sehen vergeht (sofern man nicht abgestumpft ist, wie eine alte Lederschuhsohle) …

In Prag hat man gewissermaßen die Reißleine gezogen, und die Ausübung der Musik im öffentlichen Raum stark eingeschränkt. Natürlich könnte man sich fragen, warum es denn gerade den echten Musikern an den Kragen geht, während das Geplärre aus den Lautsprechern weiterhin alles und jeden mit einem unerträglichen Teppich des akustischen Grauens tyrannisieren darf? Doch seitdem sich die Straßenmusiker voll kommerzialisiert haben und aus ihren Saxophonen immer dasselbe tröten, kann es durchaus als Akt der Notwehr verstanden werden, dass Anwohner sich solches nicht mehr bieten lassen wollen. Auch das aktuelle Festival ändert daran nichts – wie beim Nürnberger Bardentreffen kippt jede Lautsprecher-gestützte öffentliche Veranstaltung sofort in die Belästigung – alle merken es und haben genug: nur die „Musiker“ haben es noch nicht begriffen: Seid doch endlich mal still! Zwar will ich hier den gewaltigen Unterschied von „live“ und „Konserve“ nicht vermischen, aber auch das live vorgetragene immergleiche Klischee des Blues oder Jazz, oder was auch immer – aufmerksame Zeitgenossen können es nicht überhören – ist Vergangenheit, deren Lärm nur die Stille stört und das Neue, das Leise, das Zarte, das da kommen soll und muss. Je eher wir den „Saft“ abdrehen, um so verkraftbarer wird der unvermeidliche Bruch.

Sehr weit entfernt sind wir jedoch von der allgemeinen Erkenntnis, dass Konserven-Muzak im öffentlichen Raum einer schweren seelischen Verletzung gleichkommt. Es hat sich ausgedudelt, maschinelle Musik macht jede Konzentration auf Wesentliches unmöglich: und genau das dürfte die dahinter stehende ahrimanische Absicht sein, der den luziferischen Impuls der Beatles und ihrer Zeit inzwischen gewandelt, gestapelt und gefriergetrocknet hat.

Dem Specht ist das egal, und all den Vögeln sowieso. Sie singen heldenhaft gegen die Technik an, als wäre sie nicht da.

Wir armen Menschlein müssen nach Räumen der Stille suchen, die plötzlich so kostbar werden, wie sauberes, klares Quellwasser …

Mit freundlichen Sonntagsgrüßen,

Markus

 

3 Gedanken zu “Hat Recht, pan Specht …

  1. Hermann

    Wunderbar Markus !
    Ausgezeichnete Darstellung. So sollten wir die Welt öfter beschrieben bekommen.

    Herzliche Grüße nach Praha
    Hermann

  2. Barbara

    Lieber Markus,
    auch ich möchte Dir für die neuen Beiträge danken, und gerade als Musikerin bekräftigen, dass „Zwangsbeglückung“ durch Live-Instrumente genauso übergriffig ist wie Boxen-Gedudel oder lautes ICE-Telefonieren. Doch in einer auswärtigen Stadt kann man sich dem fast nicht entziehen, weil man nicht die Rückzugsmöglichkeit wie daheim hat – deshalb tut es auch gut, sich ein gewisses Egalsein anzugewöhnen.
    Eine frohe und ruhige Zeit!
    Barbara

    1. markustermin

      Liebe Barbara,

      danke für Deinen Kommentar. Ich bin natürlich auch durch die Saturn/Sonnen Opposition zu „streng“ – was ich eigentlich sagen wollte, dass die Mernschen noch gar nicht angefangen haben, zu begreifen, wie „live“ und „Konserve“ zwei grundverschiedene Dinge/Qualitäten sind. Musik-Konserve tötet im Grunde echte Musik, um es mal ganz auf den Punkt zu bringen. Die Wildwucherung technischer Reproduktion jeden Klanges ruiniert das Dasein, die Gegenwart, die Möglichkeit zu Aufmerksamkeit. Musiker sind zuwenig Philosophen, um das zu begreifen. Die Lautstärke des öffentlichen Raumes – im Extrem das Warngeräusch der U-Bahn – erreicht – ganz gleich, wo man sich aufhält – wahrhaft kranke und krank-machende Ausmaße – „Egalsein“ wäre super, aber der akustische Sinn erlaubt keine Abgrenzung … John Cage wusste das und trug´s im Namen …

      Herzliche Grüße,

      Markus

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