Die Liebe – zum Venus/Saturn Quincunx

Pierre Auguste Cot: „Spring“

Friedrich Hölderlin

Die Liebe

Wenn ihr Freunde vergesst, wenn ihr die Euern all,
O ihr Dankbaren, sie, euere Dichter schmäht,
Gott vergeb‘ es, doch ehret
Nur die Seele der Liebenden.

Denn o saget, wo lebt menschliches Leben sonst,
Da die knechtische jezt alles, die Sorge zwingt?
Darum wandelt der Gott auch
Sorglos über dem Haupt uns längst.

Doch, wie immer das Jahr kalt und gesanglos ist
Zur beschiedenen Zeit, aber aus weißem Feld
Grüne Halme doch sprossen,
Oft ein einsamer Vogel singt,

Wenn sich mälig der Wald dehnet, der Strom sich regt,
Schon die mildere Luft leise von Mittag weht
Zur erlesenen Stunde,
So ein Zeichen der schönern Zeit,

Die wir glauben, erwächst einziggenügsam noch,
Einzig edel und fromm über dem ehernen,
Wilden Boden die Liebe,
Gottes Tochter, von ihm allein.

Sei geseegnet, o sei, himmlische Pflanze, mir
Mit Gesange gepflegt, wenn des ätherischen
Nektars Kräfte dich nähren,
Und der schöpfrische Stral dich reift.

Wachs und werde zum Wald! eine beseeltere,
Vollentblühende Welt! Sprache der Liebenden
Sei die Sprache des Landes,
Ihre Seele der Laut des Volks!

 

Liebe Leserinnen und Leser,

kaum ein Thema bewegt uns mehr und kaum ein Thema wird durch die Astrologie besser beschrieben und abgebildet, als die Liebe. Wer, wann, warum und mit wem. Grundsätzlich ist es wichtig, ein paar Kleinigkeiten zu wissen. Frau & Mann begegnet sich nicht in erster Linie individuell, sondern es gibt eine tiefere, fundamentalere Ebene der – nennen wir sie – archetypischen – Begegnung. Das bedeutet, für jede Frau ist „ihr“ Mann erstmal ein Vertreter aller Männer, der Männlichkeit insgesamt. Und für jeden Mann ist „seine“ Frau genauso erstmal eine Vertreterin aller Frauen, der Weiblichkeit überhaupt. Und es herrscht, da kann man gewiss sein, kein Friede zwischen Mann und Frau. Das gegenseitige aufeinander Angewiesensein – das uns vor allem der Götter Erster – wenn wir Hesiods Theogonie (Θεογονία) folgen – Eros (ἔρωςs) schenkt – führt zu einer Begrenzung des jeweils anderen Geschlechts, zu einer im wahrsten Sinn des Wortes naturgegebenen Limitation der jeweiligen Selbstentfaltung. Und grundsätzlich finden Frau & Mann naturgemäß innerhalb der eigenen geschlechtlichen Gruppe mehr Verständnis für die ureigensten Anliegen, als jeweils konkret bei der oder dem Liebsten. Liebe ist also ein Stück weit ent-individualisierend, und so erscheint es nur folgerichtig, dass sie in Zeiten der Ich-Werdung, der Individualisierung schwieriger wird, denn die Kränkung, als Nicht-Ich behandelt zu werden, muss durchaus geschluckt und kompensiert werden.

Nun kommt in der persönlichen Biografie dazu, dass sich in Zeiten wechselfälliger Treue die Verletzungen, die man/frau durch unter Umständen traumatisch beendete Partnerschaften zwangsläufig erlitten haben, immer auf den/die jeweilig aktuellen Partner/in summieren: denn jetzt ist ja sie oder er dran, die erlittenen Kränkungen beheben oder gar steigern zu müssen – und wieder zeigt sich, dass sich der/die ent-individualisiert fühlt – sei es offen, sei es unterschwellig – denn wer kann schon Erwartungen/Kränkungen kompensieren, die gar nicht von ihm oder ihr stammen?

Aus diesem Grund haben es stark individualistische Personen in der Liebe schwerer, selbst, wenn sie gut aussehen. Die Männer haben Recht, den Frauen gegenüber ein gewisses Misstrauen zu bewahren, denn an den entscheidenden Entwicklungspunkten, die immer einen ganze Lawine von Gefühlen mit bewegen, verwandelt sich das potentiell schwangerschafts-fähige Wesen Frau in die – nennen wir sie: All-Frau, die ganz auf ihre Instinkte angewiesen ist – er hingegen kann sie nun schützen, versorgen – oder eben nicht – und in einer arbeitsteiligen Zivilisation kann er das eben – selbst Fähigkeit und guten Willen vorausgesetzt – nicht immer. Es gibt also, biologisch bedingt, eine weibliche Tendenz, den genialen Revolutionär eher abzulehnen und sich dem Normgeflecht der Gemeinschaft anzudienen – was zum Beispiel ein Grund seien mag für regressive Gesellschaftformen unserer Tage, in ihrer kollektiven Unterdrückung zu verharren, selbst wenn dabei die Frauen sowieso und zu allererst unterdrückt werden: lieber noch so, als einem Mann (als Individuum) trauen – könnte die Devise lauten. Und sie stimmt ja auch – denn was nützt der Held, wenn er tot ist?

Umgekehrt gilt die Gleichung aber auch: Männer können sich – zumindest prinzipiell – mit ihren Samen frei bewegen und rein theoretisch eine Vielzahl von Frauen begatten und sie schlicht im Stich lassen, wenn es um die Verpflichtungen und Folgen geht – und, wie bekannt, tun das ja auch viele. Frauen tun also gut daran, sich nicht allzuweit von der Anbindung an ihre persönliche Gruppe zu entfernen – „ihrem“ Mann gegenüber eben nicht bis zum Letzten hin offen zu sein – und wären sie´s und verlören dadurch den Rückhalt der Gruppe/Gemeinschaft, so gibt es gruppendynamische Reflexe der übergeordneten seelischen Kollektivebene, der sich niemand entziehen kann: und gerade deshalb, weil Frauen sich selbst kennen und die Gesellschaft – ihr gleichzeitig angehörend – durchschauen – tragen sie den größeren Teil zum Funktionieren einer Gemeinschaft bei, die letztlich immer stärker sein wird – im Guten oder Bösen – wie ihr einzelner, individueller Held – Ausnahmen bestätigen die Regel und sind Inhalt der alten & neuen Mythen – die neuen nur eine Anlehnung an die alten.

Als wäre das alles nicht schon genug, müssen wir eine weitere, heute kaum mehr bekannte Klippe ins Auge fassen: die Last der Geschichte im Wechsel der Herrschaft von Frauen und Männern als Gesellschaftsmodell insgesamt: vor einigen Jahrtausenden war alles Matriarchat, Mütter-„Herrschaft“ – das Gewicht der Umkehrung macht den Abgrund der getilgten Erinnerung in der absurden Unumkehrbarkeit des Worten „Herrschaft“  frei sichtbar. Wir können das – einmal mit dem Gedanken vertraut – ziemlich leicht aus den aktuellen Verhältnissen, die scheinbar umgekehrt sind, ableiten. Viele unserer kulturellen Hervorbringungen in Mode, Sitte und sogar politischer Ordnung sind „Wälle“, „Arrangements“, „Sicherheitsvorkehrungen“ und Konventionen zum Erhalt des gegenwärtigen kollektiven Machtzustands, ein gemeinschaftliches Stemmen gegen den immer drohenden Rückfall des Pendels der Entwicklung in uralte Zeiten, der naturgemäß durch die Existenz des morphogenetischen Feldes (siehe dazu Rupert Sheldrake) der alten Ordnung im nahen Bereich des Möglichen lauert. Schiller spricht unverholen davon in seiner „Glocke“.

Wir leben in einer Zeit, wo Frauen prinzipiell und kollektiv im Grunde ihres Wesens noch immer der Machtlosigkeit und Lächerlichkeit preisgegeben sind, aber wehe dem Mann, der glaubt, sich auf ihre unterdrückte Seite schlagen zu können! Es ist kein Zufall, dass Christus am Kreuz von 3 Marien beweint wurde – aber eben doch ans Kreuz musste. Eine echte Befreiung beider Geschlechter – denn, wenn die Frauen prinzipiell kollektiv unterdrückt sind, sind´s die Männer im Grunde auch – könnte nur ein echtes, neues Geschichtsbewusstsein bringen: doch nirgendwo sind die Kräfte des Vergessens und der Verhinderung stärker, als gerade an diesem Punkt und besonders in unseren Tagen. Frauen müssten Verantwortung für „ihre“ kollektive Vergangenheit übernehmen – von der sie nichts wissen und auch nicht wissen wollen. Nirgendwo findet sich ein Ansatz, der über eine Schuldzuweisung ans männliche Geschlecht hinausgeht. Es gibt ein Denkverbot.

Dass bei all diesen Verwicklungen die grossen „geheimgesellschaftlichen“ Bewegungen der Aufklärung auf die Idee verfallen sind, das jeweils andere Geschlecht einfach abzuschaffen und wir wieder einen androgynen Mischzustand erreichen (nach: Rudolf Steiner, Berlin 1905) wird aktuell durch den Gender-Wahn dokumentiert und begleitet – und noch mehr: denn jene „Geheimgesellschaften“, die vormals Widerstand vor allem gegen die katholische Kirche waren, sind heute selbst die Herren und die konsequente Anwendung ihrer letztlich magischen Methoden – ein anderes Wort für „science“ – hat dazu geführt, dass die Gesellschaften technisch im Prinzip zur Abschaffung des männlichen Geschlechts in der Lage sind. Die Befruchtung und Vermehrung, auch das Klonen aus nur weiblichen Eizellen ist technisch möglich. Allerdings bedarf es dazu einer komplexen, funktionierenden technischen Zivilisation, so, wie sie im Prinzip jetzt gegeben ist. Dass diese Linie übertreten wurde, haben viele noch nicht mitbekommen. Und wem man es erzählt, der kann es oft nicht glauben. Wir spüren aber – und daher das Gedicht von Hölderlin als frühreife Warnung aus einer Zeit, die den Wahn der unsrigen eigentlich noch nicht ahnen konnte, und es doch tat:

„Wenn ihr Freunde vergesst, wenn ihr die Euern all,
O ihr Dankbaren, sie, euere Dichter schmäht,
Gott vergeb‘ es, doch ehret
Nur die Seele der Liebenden.“

Mit freundlichen Grüßen,

Markus

P.S.: Gedanken – klar – bei Jupiter rückläufig in Skorpion.

 

 

 

 

 

 

 

8 Kommentare zu „Die Liebe – zum Venus/Saturn Quincunx

  1. Hallo Markus,
    die Liebe ist ja ein Ausdruck der kosmischen Harmonie, die allem zugrunde liegt. In wieweit die neuen sozialen Experimente erfolgreich sind, wird sich allein daran entscheiden, ob ihre Ergebnisse dieser höheren Ordnung entsprechen oder nicht. Unter dem Strich geht es immer nur um die Ewigkeit. Man braucht sich deshalb nicht zu sorgen, obwohl der Preis der Erkenntnis manchmal doch erschreckend hoch ist…
    Kind regards, Conny

    1. Hallo Conny,

      genauso, wie bei der Technik-Frage, bin ich mir nicht so sicher, ob diese „höhere Ordnung“ nicht doch ein wenig mehr Aktivität und Eigenverantwortung erwartet, als wir aktuell bieten: deswegen wandelt der Gott auch „sorglos“ seit langem schon – wie Hölderlin schreibt. „Sorglos“ bedeutet ja: er sorgt sich nicht um die Menschen, weil sie selbst sich aus dem gottesfürchtigen Dienst um den Geist entlassen haben. Die „Ewigkeit“ betrifft die Zeit und ist eine der Grundparadoxa, die wir logisch – also der menschlichen Konstitution der Gegenwart gemäß – nicht fassen können. Deswegen doch: Sorge im Sinne von „hüten“, „pflegen“ ist meines Erachtens im höchsten Sinn angebracht und zeitgemäß. Dazu ein Beispiel: solange es in den Städten – und hier in Prag besonders – gepflegte Parkanlagen gibt, die unter Schutz stehen und bleiben, können wir davon ausgehen, dass diese Anlagen sich dermaleinst als stärker erweisen und „austreiben“ werden, als die Industrieagrarwüsten Europas dazwischen – doch der Lärm und das Geklapper, das ganze sinnlos geschäftige, destruktive Geraume und durch die Funkstrahlungen hinein bis in jede Zelle, jedes Atom, brandet mächtig an das, was wir auch in der Natur als heilig empfinden können (vielleicht die letzte Generation, die sich daran noch erinnern kann) – der Amsel ist es noch – so scheint es – scheinbar egal, ob sie neben dem überlauten Hip-Hop-Wahn singen muss – es scheint ihr Technik wie ein Objekt zu sein, das nicht zur Welt gehört. Aber der Kampf zwischen beiden Welten – und dass er in unseren Tagen entschieden wird und niemand sich entziehen kann, sowie, dass es ein Mittel ist, hypnotisch, den Menschen, wo es auf jeden ankommt, zu suggerieren: es wird schon alles gut, auch so, Du brauchst nichts extra zu tun, zu denken, etc. – den kann wohl jede/r spüren, der oder die nicht mit ausreichend starker Betäubung dafür sorgt, in der Blase einer Illusion sein Dasein zu fristen …

      Last not least: ich schätze Hölderlin (und seinen Interpreten Heidegger) vor allem deswegen besonders, weil – man kann das in dem Gedicht unterschwellig mitlesen – er ein Anti-Apokalyptiker ist, einer, der sich den allgegenwärtigen Geheimgesellschaften seiner Zeit verweigert hat, sich dem Verlauf der Sache – anders, als zum Beispiel Steiner – in den Weg gestellt hat und für mich damit das Eigentliche, das Wertvollste überhaupt hütet. Außer ihm, Schelling, Hegel, Schiller* & Goethe in dem ein oder anderen Vers sagt es niemand, er ist eigentlich die Haupt-Säule deutscher Kultur – wenn das nicht zu sehr nach Grandezza klingt …

      Und alles aus einer Heidelberger WG … :-) …

      Herzliche Grüße,

      Markus

      *Schiller, der dafür wohl ermordet wurde.

  2. * Mnemosyne *

    Ein Zeichen sind wir, deutungslos,
    Schmerzlos sind wir und haben fast
    Die Sprache in der Fremde verloren.
    Wenn nämlich über Menschen
    Ein Streit ist an dem Himmel und gewaltig
    Die Monde gehn, so redet
    Das Meer auch und Ströme müssen
    Den Pfad sich suchen. Zweifellos
    Ist aber Einer. Der
    Kann täglich es ändern. Kaum bedarf er
    Gesetz. Und es tönet das Blatt und Eichbäume wehn dann neben
    Den Firnen. Denn nicht vermögen
    Die Himmlischen alles. Nämlich es reichen
    Die Sterblichen eh an den Abgrund. Also wendet es sich, das Echo,
    Mit diesen. Lang ist
    Die Zeit, es ereignet sich aber
    Das Wahre.

    (..)

    => http://www.zeno.org/Literatur/M/Hölderlin,+Friedrich/Gedichte/Gedichte+1800-1804/%5BHymnen%5D/Mnemosyne+%5BZweite+Fassung%5D

    ~

    Beste Grüße
    Mythopoet

  3. Markus, du hast natürlich Recht, wir müssen auf die Dinge in der Zeit achten und für die Welt Sorge tragen, im Sinne von „care“, hüten und pflegen, ganz wie du sagst. Mein Kommentar war im Sinne von „worry“ gemeint, also sich sorgen oder besorgt sein, oft auch mangels Gottvertrauen.
    Mythopoet, danke auch für das wunderbare Gedicht – Lang ist die Zeit, es ereignet sich aber das Wahre.
    Herzlich grüßt euch
    Conny

  4. Hallo Markus
    Beschäftige mich gerade mit einem Text von Werner Held „Das Trauma im Horoskop“. Im Netz als PDF auffindbar. Hatte selbst massive Träume zum Familienthema Inzest und Mißbrauch. Sonne erreicht die Tage meinen IC. Auch die Pluto-Mars-Lilith Kon. in meinem 1. Haus dramatisiert alles im Sinne einer persönlichen Betroffenheit. Wie war das noch mit dem Steinbock-thema?
    Grüße Dein alter Mitstreiter

  5. Ausblick:

    „Der Fische-Chiron hat das ganzheitliche Bewusstwerden vom interkarmischen Zusammenhang der Welt sehr gefördert und auf das Leiden von vielen zum Gewinn von wenigen aufmerksam gemacht. Widder-Chiron wird heilsame Aktionen und ganzheitliche Taten fordern. Die Chiron-Qualität im Widder wird heldenmutige Aktivisten anspornen und auf tragische Opferlammschlachtungen hinweisen. Der Schmerz der gesamten Welt wird zum Entwicklungsschmerz des Einzelnen werden. Die ganzheitliche Heilung der Welt wird durch die bewussten Opfer und engagierten Taten jedes Einzelnen vorangebracht.“

    Hier entnommen: => http://www.spirituelleastrologie.com/zeitqualitaet-2018-bis-2028

    Beste Grüße
    Mythopoet

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