Personen, Poetry

Maria und Joseph

Liebe Leserinnen und Leser,

„Je vous salue, Marie“ zusammen mit dem wunderbaren Bei-Film von Anne-Marie Miéville „Le livre de Marie“ war der Film von Jean-Luc Godard, der mich überzeugte, während er andere scheinbar völling entgeisterte, denn je besser dieser Regisseur wurde, um so weniger Geld verdiente er.

Bei Godard fand eine Handlung nicht linear statt, sondern frequenziert, das Ende konnte am Anfang kommen. Richtig erfolgreich umgesetzt hat dieses Verfahren dann Quentin Tarantino (ein Widder) in Pulp Fiction.

Hier also bekam ich, es war 1984, die cinematografische Erleuchtung, selbst Filmemacher zu werden, was etwas später zur Schöpfung meines Kurzspielfilms „Die Zeit der verbotenen Früchte“ führte, und dazu, daß ich, als Godards nächster Film „Zeige Deine Rechte“ herauskam, als Kameramann in Berlin die Filmfestspiele (mit)-dokumentierte, nur um irgendwie beim Film zu sein. Was Godard zeigte, war eine erstaunliche Komposition aus Musik, Bildern, Erotik, Religion und Rätsel. Joseph ist in seinem Film ein Taxifahrer, Maria spielt Korbball. Godard, von dem wir ja sprechen, weil er heute Geburtstag hat …

3. Dez. 1930 02:00 Paris

… Godard, also zeigte Maria einfach in heutiger (damaliger) Umgebung, ohne die Geschichte deswegen weniger ernst zu nehmen. Seine Maria ist nackt, ihrem Verlobten aber, der sie berühren will, knallt sie eine, unerbittlich. Wenn wir uns die Eltern in seinem Horoskop angucken: Saturn festgebunden am IC im eigenen Zeichen Steinbock im vierten Haus, Pluto-Jupiter im Erhöhungszeichen von Jupiter Krebs im zehnten Haus, dazu ein relatives Mars-Mond Quadrat von Löwe zu Stier und die Venus im Oppositionszeichen zum Mond (Frauenbild tief gespalten), dann fällt es einer psychoanlaytischen Sicht leicht, in der Ohrfeigen-verteilenden heiligen nackten Maria das Mutterbild zu sehen, wahrscheinlich also Saturn in Haus 4: unerbittliche Strenge und die Venus-Mond Opposition zeigt den Widerspruch zwischen Liebe und Zuneigung, die aus diesem strengen Mutterbild solche Filmfiguren schafft.

Doch Godard, der unter den quirligen Pariser Intellektuellen und ihren Psychoanalytiker-Stars der 70ger Jahre wirkte und möglichwerweise wirkt, wenn es seine Gesundheit zuläßt, wußte um diese Projektion und setzte sie auch bewußt ein. Die Altersbeschränkung oben von 18 Jahren kann übrigens nur daher kommen, daß kluge Filme verboten sind, Pornografie gibt es keine.

Wikipedia schreibt zu dem Film „Je vous salue, Marie“ :

„Außer der Geschichte um Marie und Joseph hat der Film eine Nebenhandlung, die mit der Haupthandlung fast nicht verknüpft ist. Ein Professor findet wissenschaftliche Erklärungen für die Herkunft des Lebens nicht überzeugend: „Wir sind nicht plötzlich in einer aminosauren Suppe geboren. [] Das Leben ist von einer dazu entschlossenen Intelligenz gewollt, gewünscht, geplant, und programmiert worden.“ Er hält die evolutionäre Entwicklung mangels der dazu nötigen Zeit für unmöglich.“

Im Grunde ist es die Methode von James Joyce, die dieser in der Literatur entwickelte: mythologische Stoffe in ein konsequent neues Gewand kleiden. Und wir merken, dass wir selbst in diesem Zusammenhang tief berührt sind: wovon?

Daß die Jungfrauengeburt irgendwie ein Vorrecht des weiblichen Körpers zu sein scheint. Deswegen ist die Maria in diesem Film nicht deshalb nackt in einer Szene, weil Godard mit Erotik fangen will, sondern sie ist nackt, weil Godard zeigen kann und muß, daß Erotik und Heiligkeit einheitlich sind. Aber ist dadurch auch Liebe?

Diese Frage stellt der Film.

Heut kam mir der Gedanke in den Kopf, dass Godards Filme schon in wenigen Jahrzehnten Zeitgeistdokumente vom Rang mittelalterlicher Kirchengemälde werden könnten, wenn das, was in seinen Filmen aus den 8oger Jahren gerade noch zeitgemäß aussieht, dies nicht mehr tun wird und so durch die Differenz zu wirken beginnt, der dem intelligenten Bild als eigenständiger Erzählform neben dem Wort eine Bresche geschlagen hat.

Vielleicht ist daher „Maria und Joseph“ ein so betörender Film, dass hier von jenseits des Wortes etwas offenbar wird, was wir uns niemals hätten denken können: dass jede Frau Maria ist, was den geistigen Kern ihrer Mutterschaft betrifft.