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Ein Merkur im Zwilling Aspekt

Nürnberg 17:57, kurz nach einem heftigen Gewitter direkt über der Stadt. Alles ist etwas abgekühlt, doch sicher lieben die Pflanzen den Regen. Yves Rossy, einem Schweizer, ist es gelungen, nur mit Flügeln, seinem Körper und ein paar Düsen an der Flügeln durch die Lüfte zu rasen, wie Iron-Man in den Kinosälen. An sich gefällt mir das Gleitsegeln mit den Schirmen viel besser, und ich glaube, man ist den Vögel näher, weil es eben still dabei ist, jedenfalls weitgehend. Dennoch ist es durchaus auffällig, wie Wirklichkeit und Simulation der Wirklichkeit sich hier ein Stelldichein liefern. An sich müßte das nicht bemerkenswert sein, doch zeigt sich hier ein Gesetz der Realität, deren Zusammensetzung eben wahrscheinlich seit den Tagen vor der Flut aus Wirklichkeit und der Simulation der Wirklichkeit, also deren Nachahmung besteht.

Der Denker, der uns diese Geseztmäßigkeit enthüllte, war Jean Baudrillard. Was ist Simulation? Nehmen wir an, es gibt eine Karte von einem Land, wie zum Beispiel bei Google-map, so ist diese Karte eine Simulation der Realität. Die Realität ist aber das Land selbst. Geht man bei Google-map von der Funktion „Karte“ auf die Funktion „Satellit“, so sieht man statt der Karte mit Straßen und Orten eine Fotografie aus dem Weltraum. Und unter der Funktion „Hybrid“ läßt sich beides mischen. Alle diese Darstellungen sind jedoch simuliert, denn sie sind nicht, können es nicht sein, das echte Land, wie es beispielsweise ein Storch sieht, wenn er drüberfliegt. Das Reale ist durch Zeichen des Realen ersetzt worden, die auf nichts mehr verweisen; in der „Hyperrealität“ lässt sich Reales von seiner Simulation nicht mehr unterscheiden. Gerade die Differenz zwischen Foto und Karte erweckt nämlich die Illusion, es handle sich beim Satellitenbild um Realität. Das ist aber nicht der Fall; allerdings mag es seinen Sinn und Grund haben, warum die Realität selbst solchermaßen verschleiert wird. Der Vorgang der Simulation ist eben sehr gut abzulesen an jenem fliegenden Menschen Yves Rossy und seinem Zwillingsbrunder im Film, dem Iron-Man. So wird der Film-Simulation die Realitität gewissermaßen „bei Fuß“ geliefert. Dies ist jedoch kein neuer, sonder ein sehr alter Vorgang. Immer kam für die Menschheit erst die Vorstellung der Dinge, und dann deren Verwirklichung. So ist, im Ernst, Jules Verne mit seinen fantastischen Geschichten des elektrischen Zeitalters Vater so mancher Erfindung. Im Grunde genommen ist auch die Schrift selbst eine Simulation, denn ihre Zeichen weisen auf einen Bezugspunkt der Realität, dessen stilisierte Ikonographien sie eben selbst sind. Ist Simulation gut, oder schlecht? Diese Frage können wir, mit Merkur im Zwilling, so nicht stellen. Wir müssen im Grunde genommen schweigen, und dem Gott für seine Gabe danken, uns die Schrift geschenkt zu haben. Dennoch werde ich den Verdacht nicht los, als wäre mit seiner Gabe auch ein Mißbrauch verbunden, eine Bemächtigung dessen, was ursprünglich als kulturschöpfendes, magisches Momentum gedacht war. Und wenn jemand sich der Menschheit bemächtigen wollte, könnte er dies nicht am besten durch die Okkupation der magischen Gesetze, nach denen unser Bewußtsein arbeitet, ohne, dass wir es ahnten?