Vita Caroli Quarti

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Foto Termin ©, Regensburg Domplatz

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Liebe Leserinnen und Leser,

hier muss ich mal keine Zeit unters Horoskop schreiben, denn man sieht sie auf der Uhr. Bekanntlich sind Uhr und Horoskop eigentlich identisch. Besonderen Zauber hat das Bild, weil der große Zeiger auf Wassermann zeigt, der tatsächlich zu dieser Stunde aufsteigt.

Daß Wassermann oben zwischen 10:00 und 11:00 Uhr regiert, hat nicht viel mit Astrologie zu tun, aber die Logik der Baumeister ist nachvollziehbar: man hat dem Zeichen Widder die erste Stunde gegeben: jene nach Mitternacht, was aber eigentlich Unsinn ist, aber zur Fische-Stadt Regensburg passt, zumal der Tierkreis obiger Uhr auch noch seitenverkehrt ist, gemäß der astrologischen Laufrichtung gegen den Uhrzeigersinn … merkwürdiges Mischprodukt.

Was aber die jeweils „erste Stunde“ ist, ist gar nicht so einfach herauszufinden. Auf der Suche nach der Geburtsstunde Kaiser Karls des IV, der im nächsten Jahr 700-jähriger Jubilar ist (Prag wird da mit Nürnberg was machen, da wollen wir dabei sein … ) …

Karl IV – Václav oder Venzelslav zeigt sich dem astrologischen Forscher als echter Zwillinge-Geborener: denn schon die Frage nach seiner Geburtsstunde ist zwiespältig, obwohl Karl wahrhaft versucht hat, in seiner Autobiografie gerade die Geburtszeit möglichst exakt anzugeben. Die Autobiographie, ein ganz merkwürdig gewobenes Schriftstück – „Vita Caroli Quarti“ – fast traumhaft, nahezu surreal – stellt das Geistige in den Vordergrund – steht in einer Reihe der Kaiserbücher (Marc Aurels, Friedrichs II. Falkenbuch) – ist aber keine stoische Belehrung, sondern lebendige Selbstansicht und Darstellung in einem: beispielhaft ehrlich: manchmal sogar komisch, mitunter brutal. Dort spricht er von seiner Geburt: „Diesem König Johann von Böhmen schenkte Königin Elisabeth … anno domini milessimo trecentesimo XVI pridie idus … „– den Tag vor den Iden – in diesem Fall das letzte Mondquadrat – „Terminalien“ genannt … „Maii hora prima in Praga,“ so schließt der Kaiser seine Auskunft.

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Eine solche Auskunft gibt man nicht, wenn man die Astrologie nicht kennt und Wert darauf legt, ihrem Deutungssystem das persönliche Beispiel zu geben.

Doch was ist „hora prima“? Gemeinhin wurde das als Tagesbeginn verstanden, der ganz in unserem Verständnis mit Sonnenaufgang gleichgesetzt wird. Dann hätte der Kaiser nicht nur Sonne Zwillinge, sondern auch den Aszendenten dort. Doch das ist sehr unwahrscheinlich und entspricht überhaupt nicht seinem Charakter. Was ist „prima hora“?

Wir suchen die Geburtsstunde, die uns astrologisch/astronomisch den aufsteigenden Grad anzeigt, nach dem wir Astrologen den Ausdruck der Persönlichkeit deuten, weil von dort der Entwicklungsweg zum Sonnen-Ich, Christus – dem Licht der Welt – geht.

Erste Stunde – was meint er damit? Sonnenaufgang? So ist es interpretiert worden, doch dagegen spricht einiges. Zumindest bei einem gebildeten Zeitgenossen, der Latein, Deutsch, Italienisch, Französisch und last but not least Tschechisch sprach und schrieb, und sich in der von ihm gestifteten Universität mit allen Wissenschaftlern austauschte zu einer Zeit, als Astronomie & Astrologie verbunden waren. Interessierte sich Karl IV explizit für Astrologie/Astronomie? In seinem Allerheiligsten, der Heilig-Kreuz-Kapelle zu Karlsstein, sind in das Gewölbe eingelassen die Planeten als Edelsteine. Die Kaiserkrönung in Rom könnte mit einem Feuertrigon unter Jupiter im Löwen astrologisch elektioniert zu sein. Für die Königskrönung (die zweite) zum deutschen König spricht der Kaiser von „günstigen Vorzeichen“ – expliziter wird nicht zur Astrologie Bezug genommen – bis auf eine bekannte Ausnahme: die Karlsbrücke.

Doch die „erste Stunde“ – „prima hora“ war zur Zeit von Karls Geburt in Bohemia weder Mitternacht (wie oben als Widder in der Regensburger Darstellung), noch Morgen, sondern wurde zu jeder Jahreszeit als die Stunde des Sonnenuntergangs gezählt, nach italienischer, böhmischer Gewohnheit, die noch Goethe als wirklichkeitsnah preist.

Tatsächlich ist auch der äußere 24-Stunden Ring der berühmten astrologischen Uhr zu Prag auf diese Zeitangabe ausgerichtet und schafft das Kunststück, diese nach Jahreszeit variable Stundenzählung – denn die Sonne geht ja immer anders  unter – auch tatsächlich (davon schreibt auch Rudolf Steiner) anzuzeigen.

Das macht aus Kaiser Karl einen Schütze Aszendenten, nicht morgens, sondern am Abend geboren – also zur allgemeinen Annahme das genaue Gegenteil… ; daß sich diese Zählung einmal ändern könnte, hat Kaiser Karl IV nicht in Betracht ziehen können.

Doch Neptun am Aszendenten passt in seine neptunischen Passionen: er schreibt gezielt geistige Erlebnisse auf, wie als sammelte er als aufrichtiger Zeuge schwerpunktmäßig übersinnliche Momente. Es gibt der Schrift zusätzliche Intensität, daß er auch, gleich einer Beichte, von nur einer moralischen Verfehlung berichtet – während des Italien-Feldzuges scheint er in eine Orgie geraten zu sein: „Wir wurden verderbt mit den Verderbten … „.

Mit freundlichen Grüßen,

Markus

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