Geschichte, Personen

„Ein Licht mir aufgegangen“ – Leo Tolstoi

Liebe Leserinnen und Leser,

Prof. Johanna Renate Döring-Smirnov hat im Literaturhaus München (- hier klicken: Austellungen) über Tolstois Bezug zu Deutschland und umgekehrt eine mehr als sehenswerte Umsicht zusammengestellt.  Tolstoi wurde zu einem Jungfrau Neumond, wie wir ihn heute haben, geboren. Seine spirituelle Weisheit erwachte – genial und geistreich war er vorher schon – als er 1882 die Volkszählung mit organisieren half, eine dem damaligen Adel obliegende administrative Aufgabe.

Diese schlagartig eintretende Befreiung dokumentiert das erste untere Horoskopbild mit Uranus direkt über der Sonne! Ich sage nicht, daß es sich um genau dieses Datum handeln muss; aus der Zeit davor wird von einer Verdunkelung des Gemüts berichtet, die mit der gesamten Periode von Saturn durch Tolstois Pluto-Zeichen Widder (und besonders den genauen Transit Saturns über Pluto) einhergeht: 1882 findet jedoch – Uranus in der Jungfrau immer näher an der Sonne – der entscheidende Wandel vom genialen, erfolgreichen Aristokraten zum mitfühlenden anarchistischen und urreligiösen Volkstribun statt. Jupiter stand nicht lange vorher im 10. Haus und bescherte ihm unglaublichen weltweiten Erfolg (Anna Karenina 1877).

Tolstoi 1856

Natürlich eignen sich Tolstois Bücher wunderbar zum verfilmen – denkfaul, wie „Filmemacher“ (ein Wort, wie ein Holzklotz) oft sind, können sie die szenische Grundlage fast 1:1 umsetzen – indem sie schlicht alles streichen, was  detailliert nicht passt. Bedauerlicherweise geht dabei verloren, was die Lektüre Tolstois eigentlich ausmacht. Was ist das?

Es ist ein gleichzeitiges innen wie außen stehen in der Seele seiner Charaktere. Wir bekommen anhand seiner Charakterstudien gleichzeitig eine Introspektive, feinfühliger und exakter als es die Psychoanalyse vermöchte, und haben doch die an Jean-Jacques Rousseau (den Tolstoi zum Teil auswendig kannte) geschulte radikal-humanstische Außenansicht der menschlichen Makel, die sich eben deshalb klassisch tragödisch entfalten, weil es ihnen an genau dem fehlt, was der Leser durch diese Doppelperspektive vom Autor zum Geschenk erhält.

Dies ist für den Krebs-Aszendenten Tolstoi (ich glaube der AC stimmt wegen des Bartes) die Lebensleistung vom Krebs zum Steinbock Deszendenten. Eine optimal austarierte Leistung – von subjektiv zu objektiv – absichtsvoll und mit beharrlicher Energie (Mars im Steinbock) vorangetrieben.

Und der Intellektuelle, der Geistesmensch – er wird zum Gläubigen, dessen Radikalität und Tiefe sich nicht nur mit der russischen Volksseele solidarisiert; es wird Tolstoi oft nachgesagt, er hätte der Oktoberrevolution den geistigen Boden bereitet. Das ist Unsinn: wären die Aristrokraten Russlands und der Welt seinem Ruf gefolgt, dann hätte es keine Oktoberrevolution gegeben.

Dies sollte – und ist es nicht – der Zukunft eine Lampe sein. Ob Gates Tolstoi gelesen hat: vielleicht Melinda Gates? Sind diese Leute intelligent genug für so etwas?! Ein Teil der Tragödie der Kunst ist es jedoch, daß sie eben nur dann Kunst ist, wenn sie die Menschen zwar porträtiert, aber in ihrer Entscheidung ungehindert Tragödien der Wirklichkeit produzieren lässt. Insofern hat sich Tolstoi für die Kunst entschieden, das Ehepaar Gates vielleicht für die platte, blöde aber effektive Einfalt (von der wir freilich nichts wüßten, ohne Tolstoi):

„Es war ihm in diesem Augenblick ergangen, wie es nicht selten Leuten ergeht, die unversehens auf einer recht schmählichen Tat ertappt werden. Er hatte es nicht verstanden, seine Miene der Lage anzupassen, in die er seiner Frau gegenüber durch die Aufdeckung seines Vergehens geraten war. Anstatt den Gekränkten zu spielen, zu leugnen, sich zu rechtfertigen, um Verzeihung zu bitten oder auch einfach nur gleichgültig zu bleiben (alles dies wäre besser gewesen als das, was er in Wirklichkeit getan hatte), statt dessen hatte sein Gesicht ganz unwillkürlich (›Reflexe des Gehirns‹, dachte Stepan Arkadjewitsch, der sich gern ein bißchen mit Physiologie abgab) sich zu seinem gewohnten gutmütigen und daher in diesem Falle dummen Lächeln verzogen.

Dieses dumme Lächeln konnte er sich nicht verzeihen. Beim Anblicke dieses Lächelns war Dolly wie infolge eines körperlichen Schmerzes zusammengezuckt, hatte mit der ihr eigenen Heftigkeit einen Strom scharfer Worte hervorgesprudelt und war aus dem Zimmer geeilt. Seitdem hatte sie ihren Mann nicht mehr sehen wollen.

An alledem ist dieses dumme Lächeln schuld‹, dachte Stepan Arkadjewitsch.

Aber was ist zu machen? Was ist zu machen?‹ fragte er sich in seiner Verzweiflung und fand keine Antwort darauf.“

Wir können also mit Fug und Recht sagen: alle Filme – die Film-Sprache selbst – sind letztlich Tolstoi-Immitate, Abkömmlinge, dem Original unterlegen, bis auf die natürlich, die Jean-Luc Goddart oder vielleicht Fellini auch (und deren Gefolgsleute) in den 80ger und 90ger Jahren des letzten Jahrhunderts mit einer eigenen Filmsprache vorstellten.

Ich freue mich auf die Zeit des interaktiven TV-Internets, dem gar nichts anderes übrig bleiben wird, wie den hartbackenen Teig der Imitate zu dekonstruieren und neue Formen zu finden – womit die Originale: Tolstoi plus die filmbegleitenden verballhornten Klassiker der Musik wieder einen sehr modernen Glanz bekommen werden.

Mit freundlichen Grüßen!

Markus

Tolstoi 1908


Innen Leo Tolstoi 09.09.1828 22:30 Tula, außen 18.08.1882

Innen Leo Tolstoi 09.09.1828 Tula, außen Todestag 20.11.1910