Personen, Weltbild

Enzensberger

Enzensberger FotoFoto: Mariusz Kubik ©

Liebe Leser und Leserinnen,

ich weiß, das kommt jetzt ein paar Tage zu spät, der Jubilant ist eben 80 geworden und ein so mächtiger Vertreter seines Sonnenzeichens Skorpion, dass ich jetzt doch ein Zitat aus seinem aktuellen Büchlein „Fortuna und Kalkül, zwei mathematische Belustigungen“ bringen möchte:

„Nicht immer war die Stimmung unter den Auguren so trübe,“ schreibt er zum Thema Finanzkrise: „Seit etwa 1950 fingen viel Wirtschaftswissenaftler an, zu glauben, dass sie die Unwägbarkeit der Finanzmärkte mit mathematischen Methoden in den Griff bekommen könnten, eine Zuversicht, die bald von Hybris nicht zu unterscheiden war. Wer mit Worten, statt mit Gleichungen argumentierte, sah sich aufs Altenteil verwiesen. Mit der formalen Eleganz der abstrakten Modelle, die einen wunderbar präzisen Eindruck machten, konnten die klassischen Ökonomen nicht konkurrieren. Natürlich gründeten diese finanzmathematischen Theorien samt und sonders auf dem Wahrscheinlichkeitskalkül. Ihre höheren Weihen empfingen die Kapazitäten des Faches durch mehrere Nobelpreise.“

EnzensbergerH.M. Enzensberger 11.11.1929 Kaufbeuren

Nun schildert Enzenberger in Skorpion-Manier den Werdegang der beiden Nobelpreisträger auf den Flügeln ihrer Theorie, für die sie den Nobelpreis bekommen haben, bis zur Finanzkrise und teils schon vorher, als diese Theorie an der Realität scheiterte.

„Das Mitgefühl mit den beiden Nobelpreisträgern, die bei dieser Operation ihr privates Kapital einbüßten, wird sich in Grenzen gehalten haben. Sollte der ein oder andere Beobachter Schadenfreude verspürt haben, so wurde sie allerdings schon bald im Keim erstickt, denn Merton lehrt heute wieder Ökonomie an der Harvard Business School, wo er die „Analysten“ der Zukunft ausbildet, und Scholes wurde zwar wegen Steuerhinterziehung in Höhe von 40 Millionen Dollar verurteilt, leitet aber einen neuen Hedge-Fonds und verwaltet für seine treuen Kunden ein Milliardenvermögen.“

In seinem Horoskop fällt mir die Venus in der Waage auf und Jupiter im Zwilling. Und ein solcher Schönling und die Intelligenzbestie ist er auch im Greisenalter noch. Wenn nicht: eben gerade. Zu seinem leidenschaftlichen Interesse für Mathematik passt, finde ich, Neptun in der Jungfrau. Für mich war er zunächst die Zumutung seiner verdammten Poesie aus den siebziger Jahren. Als unsere sozialreformerisch gepolten gutbürgerlichen Lehrerinnen uns mit Enzensberger und den nach Kopieralkohol  riechenden blauen und oft verschmierten „Arbeitsblättern“  den Sinn für den Zauber der Sprache austreiben wollten. Er schreib, glaube ich, damals nur klein, was besonders radikal war. Aber auch ohne Interpunktion, mitunter nach dem Zufallsprinzip des Zeilen-Vermengens. Puhhh …

Allesamt lesenswert sind die Büchlein der neuen SV-Reihe edition unseld, zu der das Büchlein gehört.