„Der Frauenmantel ist eine richtige Märchenpflanze. Das Blatt ist so wunderschön zu einer Schale gefaltet, als warte es auf ein Geschenk, das vom Himmel fällt. Und am nächsten Morgen liegt tatsächlich eine glänzende, kristallklare Zauberperle in diesem Blattkelch.
Nein, es ist kein „normaler“ Tautropfen, was da aus dem sanftgrünen Blattschoß leuchtet, es ist ein Tropfen „Himmelswasser“. So nannten ihn jedenfalls die Alchemisten des Mittelalters. Sie wußten von den besonderen Kräften dieser Tropfen und sammelten sie morgens bei Sonnenaufgang ein. Diese Tropfen waren Teil eines wohlgehüteten Pflanzengeheimnisses, und alles, was wir von der Überlieferung wissen, ist, dass sie mit diesem „Himmelswasser“ den Stein der Weisen herstellen konnten. Für sie war der Frauenmantel ein kleiner Alchemist, der das Wasser aus der Erde in sich aufsaugt, „läutert“ und wieder abgibt, um es dem Himmel zu opfern, es der letzten Stufe der Verwandlung hinzugeben. Sie sahen darin ein tiefes Sinnbild für den Weg des Menschen. Der lateinische Name des Frauenmantels, „Alchemilla“, deutet noch auf die alte Liebe der Alchemisten für diese Pflanze hin.
…
Der Frauenmantel war schon immer eine Pflanze, die als besonders den Frauen zugehörig galt. In ihm sahen die alten Kräuterheilkundigen die Kraft der Venus, ihr Siegel zeigte sich ihnen in den grünlichen, duftenden Blüten, die die Grundfarbe dieses Planeten tragen, in der gefälligen, anmutigen Form des Blattes, das sich ganz in der Gebärde des Empfangenden öffnet. Als großes Frauenheilmittel war der Frauenmantel immer unter den Schutz einer weiblichen Gottheit gestellt. Bei den Germanen war dies Freja, die Göttin der Liebe und der Fruchtbarkeit, und die heilkundigen Germanenfrauen haben den Frauenmantel als Heilmittel sehr geschätzt. Sie haben ihn bei abnehmendem Mond gesammelt (also jetzt, M.T.), um damit Blutflüsse der Frauen zu stillen und Wunden zu heilen.“
Aus Susanne Fischer-Rizzi, Medizin der Erde, Irisiana-Verlag, Hugendubel 1984

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