Poetry

Nachtrag zu Rilke

Archaischer Torso Apollos

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.

Aus: Der neuen Gedichte anderer Teil (1908)

Warum ich dieses Gedicht besonders schätze? Weil Rilke hier schreibt: „… und bräche nicht aus allen seinen Rändern aus wie ein Stern.“ Weil diese diese Sprachvergleiche – Metaphern –  flimmern, wie ein Stern. Er bringt es doch tatsächlich fertig, diesen marmornen Torso Apollons lebendig glitzern zu lassen, wie die atmosphärische Aura, die astrale Lichtbotschaft des ewigen Lebens eines Gottes. Es weht diese Weisheit wie eine erste laue Frühlingsnacht zu uns herüber. Ständig heulen Sirenen, weil die Menschen, noch verkrochen sind in den beleidigend kalten Winter, der nicht schnell enden will, während die Nase schon Vogelgezwitscher hört und deshalb die Ohren Frühling riechen.

„Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz …“ … steht er das nicht, fragt man/frau, und steht er denn nicht wirklich als marmorner Torso? Das tut er wohl. Wir wissen inzwischen aus der rekonstruierenden Forschung der Altertümer, dass jene Marmorbüsten gar nicht bleich, sondern bemalt, vielleicht auch bekleidet waren. Tatsächlich hatten also die Götterbilder etwas von jener farbigen Regenbogenaura, die spitzstrahlig und zugleich sich in Ringen verbreitend, um die Sterne legt. Schönheit ist also da, aber ist da auch Liebe? Nein, sagt die Naturwissenschaft, weil sie jene Aura nicht sieht, als was ist erstmal und überhaupt! Poetisch läßt sich´s aber sagen. Und das tut Rilke. In den Zeilen:

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

… da zeigt er mit einer rhythmischen Geste, was er – fast schon am frivolen vorbeigleitend – meint: es ist jenes kurz … und sturz, welches den Vierzeiler in einen Dreizeiler wandelt, und die Form des Gedichts, der nach unten sich verjüngende Keil, gleichzeitig auf mehreren Ebenen den wahren Torso anschaulich macht. Als Torso, und als Geste des Umschlagens an der alten mechanischen Schreibmaschine, wo es nötig war, einen Umsetzer, den Rollenwagen zu fahren, und gleichzeitig eine neue Zeile einzustellen. So wird der „Torso“ auch akustisch in drei Ebenen geteilt.

Und nun das Wunder: der Text spricht das Gegenteil! Behauptet er doch glatt, dieser Torso, der als Torso per Definition von gebrochen Teilen des Steins verlassen. Man findet sie nicht. Doch Rilke sagt: „Er wäre entstellt“. Er nimmt also den Konjunktiv, die wenn-Form. Ist er es nicht? Nein, sagt er, er ist heil! Nun, wunderbar, so zeigt sich Rilkes Religion. Denn für Rilke und uns alle öffnet sich im Auferstehungsgedanken lebendiges Flimmern, wie um die Sterne. Zusätzlich kommt als Argument: das Gedicht selbst ist heil, also ist es auch sein Gegenstand. Wir leben in einer Welt des Analogiezaubers, ein Gedicht macht da keine Ausnahme. In diesem Sinn ist tatsächlich etwas passiert, also von extremen Enden hat es sich zusammengefunden in einen Ausdruck als Sprache und damit als Gebet, denn – Rilke war dies sehr bewußt – alle Sprache ist Gebet. Und noch mehr. Ich erwähnte oben eine fast frivole Zeile:

Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Doch Rilke geht tiefer. Denn in der Leugnung des tatsächlich nicht kompletten Stein-Körpers im Sinne seiner ursprünglichen Vollständigkeit, spricht er auch das Geschlecht an, mit dem nächsten starken Reim vor kurz – sturz, nämlich Lenden – blenden. Rilke kannte die Psychoanalyse von Lou Andre Salome. Ob er sie hier meinte? Er schaut in die Vergangenheit, und zwar über einen Bug, als wär´s nun ein Schiffstorso. Und das Lächeln in Richtung Lenden landet – in der Mitte – doch das ist nicht das Geschlecht, sondern, die Vergangenheit überwindend: das Wissen um die Gegenwart des Gezeugten. Also die Ewigkeit.

rilke

Der Anfang des Gedichts hat mich immer sehr erschreckt: „Augäpfel reiften …“ In Äpfel beißt man, und es ist ein sonderbar gartentechnischer Gedanke unserer den Surrealismus gewohnten Sichtweise, diese Äpfel sich unter dem Licht einer Sonne vorzustellen zu reifen. Und der Torso glüht noch „wie ein Kandelaber…“ … wieder tritt Rilke der heißen, erruptiven, vulkanischen Vergangenheit des Materials, des Gesteins sehr nahe, als hätte Hitze den Marmortorso verglast und wir schauten auf die Gegenwart dieses Prozesses, der noch – spöttisch fast – anhält, denn er ist ja noch warm, wie frische Brötchen! Ich habe neulich gelesen, dass auch der Mond einen heißen, womöglich flüssigen Kern hat, und es dort ständig Erdbeben gibt. Will man uns drauf vorbereiten, dass man die von den Apollo-Expeditionen auf dem Mond vergessenen Geräte nicht finden kann? Ach, Unsinn. Und „reifen“ hat Entwicklung in sich. Die folglich fortschreitet. Wenn wir bestimmen könnten, in welche Richtung, wäre es nicht mehr nötig, sich in selbige zu entwickeln.