Keine Stelle, die Dich nicht sieht …

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Peter Sloterdijk (26.06.1947 in Karlsruhe), der größte lebende Sophist unserer Sprache, hat eben ein Buch veröffentlicht. Es heißt: „Du mußt Dein Leben ändern.“ Darin entwirft er ein Szenarium unserer Zukunft. Er bietet einen philosophischen und zeithistorischen Leitfaden, unsere Zeit zu verstehen und die richtigen Dinge zu tun. Richtig ist, und das sagt schon der Titel: „Du mußt Dein Leben ändern.“ Dieses Zitat ist einem Rainer Maria Rilke Gedicht entnommen, das mir durch meinen Freund B. „Doc“ Frank vertraut wurde:

Archaischer Torso Apollos

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.

Aus: Der neuen Gedichte anderer Teil (1908)

Ich habe das obige Buch von Sloterdijk noch nicht gelesen, sondern, er möge es mir verzeihen, nur sein Interview/bzw. Rezension zur Veröffentlichung in der Zeit und auch im Spiegel gesehen. Daran, dass beide konservativen Meinungsmacher – weitere kommen sicher hinzu und sind nur mir bisher entgangen – sich zeitgleich zu Wort melden, sieht man, wie es Sloterdijk gelungen ist, die Flügel des Zeitgeist-Drachens gleichzeitig auszubreiten, wie schon so oft – erinnern wir uns an seine Rede „Regeln für den Menschenpark“. Er vertritt seine Sache im Interview knapp und gut, vor allem aber selbstbewußt. Er sei, sagt er, eine geteilte Persönlichkeit: einerseits ein ratloser Zeitgenosse, wie alle anderen auch, andererseits jedoch ein gewissenhafter Auswerter von historischen Großzyklen, und er kann deshalb ungefähr die Richtung angeben, Rat geben, wie er sich wörtlich ausdrückt. Aus seiner Intention, sein Buch zu vermarkten, um damit selbst auch keine Krise zu haben, dürfen wir uns endgültig nicht mehr stoßen. Es ist bekannt, wie Gutes auch unter die Leute gebracht werden will: der Markt ist der wahre Demokrat. Sloterdijk hat jedoch, jeweils zur richtigen Zeit, mehr als poetologische Bestandsaufnahmen in einem unterhaltenden Kompositionsstil aus Philosophie, Soziologie und Zeitgenossenschaft mit einer ungeheuren Informationsfülle an Spezialwissen „angereichert“, welches Sloderdijk auch noch humorvoll präsentiert, oder gemessen, je nach Anlass. Dieses Spezialwissen ist durch ein ungeheures Gespühr für übergeordnete Ebenen gesegnet. Es gibt außerdem geradezu geniale Gedanken von ihm. Dazu zählt der Begriff „Eurotaoismus“ und überhaupt seine politische Europa-Vision, die einen starken Akkord in die alte/neue Orgel bläst. Ich nenne ihn nur deshalb „Sophist“, weil er atheistisch argumentiert. Und zwar gleich im Interview erklärt er uns seine mitgebrachte und grund-konstitutive Weisheit: Gott sei so eine Art unglaublich gelungene Selbmotivations-Fiktion gewesen. Jetzt aber dürfen wir nicht mehr auf Gott vertrauen: wir müssen selbst die Ärmel hochkrempeln, und etwas verändern – um wieder den Titel zu streifen – – – -:

Solderdijk wäre nicht Sloterdijk, würde er nicht in seinem Buch, welches ich unverschämterweise hier bespreche, ohne es gelesen zu haben, ebenfalls auf das Gedicht eingehen, dessen letzte Zeile er zum Titel seines Werkes macht. Und diese Analyse ist bei ihm immer sehr scharfsinnig und auch inspirierend. Doch wegen des angekündigten Atheismus werde ich es nicht lesen! Rilke, der dem Titel die Zeile geliehen hat, war selbst zutiefst religiös.

Sloderdijk ist ein Krebs mit Waage-Mond. Rilke hat einen Wasserman-Fische Mond, einen Jungfrau AC und die Sonne auf 12.26 Grad Schütze. Doch der eine hat Saturn im Löwen, der andere im Wassermann. So ist der eine auf Wassermann-Art getauft – durch Geist – der andere nach Löwen-Art beherrscht in seinen Herzens-Entscheidungen (und mit Pluto-Saturn Konjunktion im Löwen auch wirklich machthungrig!), die gleichzeitig ein Höchstmaß an Struktur von ihm verlangen. Mir fiel besonders die Mars-Pluto Verbindung zwischen Rilke und Sloterdijk auf. Und es wäre Sloterdijks Mars, der ungefähr auf Rilkes Pluto trifft.

Der Moment, an dem Philosophen zur gesellschaftsverändernden Tat schreiten wollen, indem sie den kategorischen Imperativ „Du mußt“, zitieren, sollte zumindest aktuell – bei einem Quadrat Merkur-Pluto, einer rückläufigen Venus, die mehrere Quadrate zu Lilith und Pluto bildet, genau beobachtet werden. Und das wird es, so dass man ausnahmsweise den Spiegel loben muß mit seiner zynischen Vernunft.

Natürlich bin ich mir dessen bewußt, jetzt in die christlich fundamentalistische Ecke gestellt zu werden. Kann der Mann nicht dennoch gute Gedanken haben? Und bietet der Papst in seiner moralischen Schwäche aus machtpolitischen Gründen, die auch er selbst aber für das hält, was seine Aufgabe in der Menschheit ist, ein schwaches Bild. Ist er nicht durch die Allianz mit dem gesunden Menschenverstand der Urknall-Fetischisten kompromittiert? Das sind alles Gedanken dazu. Mein Hauptargument ist aber die Zeit: jemand, der öffentlich die Richtung als ohne Gott denkend propagiert, kann mir, so glaube ich, nicht wirklich Tiefes sagen. Dennoch ist Sloderdijks Anliegen richtig. Ob er aber die Richtung der Änderung kennt?

Ich glaube, Sloterdijk, wie er im Interview ja auch sagt, ist eine gespaltene Persönlichkeit, ein Gott-Verneiner als Gott-Suchender. Er hält es mit der Gestaltkraft von tiefen Visionen und betrachtet sich als verantwortlich: so ist auch der praktische Effekt seiner Haltung deutlich: dadurch, dass ich mich selbst verantwortlich mache, und nicht Gott, kann ich wirklich etwas erreichen.

Können wir anders, als uns dem anschließen? Vielleicht ändern sich einige Leute doch. Und Sloterdijk bleibt seiner „Kritik der zynischen Vernunft“treu?

Wie steht nun ein tief spiritueller Mensch, wie beispielsweise Marc Jongen, ein Mitarbeiter und Kollege an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung Peter Sloterdijkts zu seinem Gedankengut? Ich weiß es leider nicht, aber ich bin gespannt auf seine Gedanken. Sloterdijkt dominiert als Medien-Philosoph den Diskurs. Er kann wirklich sehr sehr gut mit Sprache Bilder malen. Ein spiritueller Mensch würde sagen: „Peter, es geht über unsere Vernunft und auch die Fähigkeit zu steuern hinaus. Menschen erleben dies aus der Entschlüsselung dessen, was ihnen im Alltag begegnet.“ „Denn da ist keine Stelle, die Dich nicht sieht.“