Fische-Mond, Dichtung und Wahrheit

Foto Markus Termin ©

Nürnberg 15:04 etwas spät dran, um 16:19 zieht Mond bereits in den Widder, aber die Aufnahme stammt von heute morgen um sieben Uhr, und da hatten wir den Mond noch im Wasserzeichen Fische. Was macht nun der Mond in den Fischen? Audrey Hepburn, Paul Cezanne aber auch J.W. Goethe hatten ihren Mond in den Fischen. So sieht es Goethe selbst: „Am 28. August 1749, mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glücklich; die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau, und kulminierte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sie freundlich an, Merkur nicht widerwärtig; Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig: nur der Mond, der soeben voll ward, übte die Kraft seines Gegenscheins um so mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war. Er widersetzte sich daher meiner Geburt, die nicht eher erfolgen konnte, als bis diese Stunde vorübergegangen. Diese guten Aspekten, welche mir die Astrologen in der Folgezeit sehr hoch anzurechnen wußten, mögen wohl Ursache an meiner Erhaltung gewesen sein: denn durch Ungeschicklichkeit der Hebamme kam ich für tot auf die Welt, und nur durch vielfache Bemühungen brachte man es dahin, daß ich das Licht erblickte.“ (Aus „Dichtung und Wahrheit“)

Fische-Mond Geborenen „gelingt es nahezu immer, einen Schleier des Geheimnisvollen, Unerforschlichen um ihr Werk zu legen, in den übrigen Fällen übernimmt dies die Nachwelt mit Legendenbildungen oder Verfälschungen,“ schreibt Michael Roscher. Und Oskar Adler sagt: „Man könnte von einer Art Mitleidssüchtigkeit sprechen, die, als Gabe oder Talent angesehen, etwas zur Folge haben muß, was wir jetzt geradezu als seelische Hellsichtigkeit ansehen dürfen, mit allen Täuschungsmöglichkeiten, denen eine solche Hellsichtigkeit ausgesetzt ist, weil ja das Objekt dieser Hellsichtigkeit, das fremde Seelenleben, nur in Gestalt der eigenen Mitleidsregung gegeben ist.“ Aber auch: „Die seelische Hellsichtigkeit, die wir als wesentliches Kennzeichen der aus dem Fischezeichen inspirierten Mondnatur beschrieben haben, entfaltet ja die Gesamtheit ihrer Vorzüge im Interesse der jeweiligen Sonnennatur.“ So paßt für Goethe allein schon der Titel seines Buches „Dichtung (Fische-Mond) und Wahrheit (Jungfrau-Sonne)“ optimal zu seiner Vollmondstellung. Das Konzept der „Planetenstunde“ ist eines von vielen Konzepten der chaldäischen Planetenreihe Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur und Mond, nach denen man die Tages- und Nachtstunden á 12 Teile jeweils in dieser Reihenfolge durchzählte. Dies entsprach nicht den ganzen Stunden, sondern der realen Tages- bzw. Nachtlänge geteilt durch 12. Den Anfang machte dabei bei Sonnenaufgang der Planet, der den Tag regierte: Sonntag die Sonne, Montag der Mond, Dienstag Mars, Mittwoch Merkur, Donnerstag Jupiter, Freitag Venus, Samstag Saturn. Um die Planetenstunde zu berechnen war es also nötig, die Zeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang genau zu kennen, und jeweils durch 12 zu teilen. Warum, mag man fragen, in dieser Reihenfolge? Die Logik ist die Geschwindigkeit: Saturn als langsamster, Mond als schnellster Planet. Ein anderes Konzept dieser Art in der klassischen Astrologie ist die oder das Firdaria, und es gibt weitere, die ein wenig nach Abzählkunst anmuten. Was natürlich dazukommt, und Goethe auch zunächst nicht wissen konnte: Pluto, Neptun und mindestens Chiron. Uranus hingegen hätte er kennen müssen, allerdings vielleicht noch nicht unter diesem Namen. Der Name setzte sich erst gegen 1850 durch und wurde, entsprechend den römischen Namen der anderen Planeten, der lateinischen Schreibweise angepasst. Mit diesen läuft die Reihe so nicht mehr durch. Doch zählt ja unsere Woche nach wie vor sieben Planeten lang. Goethe hatte seinen Pluto, wie leicht zu sehen, im ersten Haus; hätte er das gewußt, er würde sich selbst als Mensch mit der Kraft, andere zu zerstören, (besser: tiefgreifend zu wandeln) beschrieben haben. Erzählt er nicht im Faust eben genau diese Geschichte? Und Saturn so unmittelbar vor der Spitze des Aszendenten bringt wahrlich nicht selten schwierige Geburten zustande, oft mit schlimmen Folgen. Da muß nicht gleich Gretchen, alias die Hebamme sterben, bzw. schuld sein. Interessant ist bei Goethe die Elternachse: hier steht die Mutter als Mond eindeutig, denn sie war Fische, im Haus vier, der Vater aber als Sonne in der Jungfrau in Haus 10, denn er war Löwe. Also umgekehrt, wie sonst so oft. Hier lohnt sich die Forschung!

2 Gedanken zu “Fische-Mond, Dichtung und Wahrheit

  1. Gratulation zu diesem Artikel! Goethes Fische-Mond weist ihn als Poeten aus. Schaut man sich weitere Horoskope berühmter Poeten an, so findet man häufig einen Fische-Mond oder Zwölfthaus-Mond. Wendet man für Haus 12 die Formel „-los“ an, dann bedeutet dieser Mond ‚gefühllos‘ im Sinne von ‚muss seine Gefühl in den Sümpfen der Traurigkeit‘ suchen um sie zu erschliesen – hört sich ja auch schon sehr poetisch an (übrigens frei nach Michael Ende :-).

    Ich wünsche einen guten Wochenstart
    Gerhard Miller

  2. Lena

    Hallo Oskar…Danke für diesen Einblick. Was ich heute bei der Fische-Sonne gefühlt habe (mit Mond in Wassermann) und MC Löwe – ich weiss eigentlich gar nicht, warum die Astrologen sich auf Goethes Radix beziehen – wegen meiner Fische-Betonung jetzt? Übereinstimmung sehe ich lediglich im nicht Annehmenkönnen/Angst vor der Liebe. Wenn ich noch einmal dorthin zurückgehe, fühle ich das Unvermögen als Erwartungsdruck etwas retour geben zu müssen, dass man nicht mehr hat…seine Mutter war strenggläubiger Saturn und verlangte alles ab, dazu Fische-AC. Sie hatte das Absaugen los und konnte unheimlich abweisend sein, was ich als Schwiegertochter stark zu spüren bekam – jetzt hat sich jedoch alles gewandelt! Nur bei ihm noch nicht…Seine grösste Angst ist, sich eingestehen zu müssen, einmal nicht 200% gegeben zu haben oder einfach mal sich gehen zu lassen…

    Hey, danke für deine Nestwärme beim Ausbrüten meiner Eier…Umarmung zurück…alles Liebe – Lena

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