Liebe Leserinnen und Leser,
am Samstag geht in den frühen Abendstunden der Vollmond auf, zwischen Fische und Jungfrau, Chaos und Ordnung.
Oben arbeitet der Mondgott Toth am Bild der Wirklichkeit, denn er ist ja ein Spiegel der Sonne: die Fische-Sonne wird jungfräulich gespiegelt: das Chaos bekommt eine Ordnung – was nicht unbedingt bedeutet, daß wir es in den Griff bekommen, sondern daß eine Vorstellung seines Ausmaßes bekannt wird. Mit ihm malt, also schreibt und erschafft Seschet die Wirklichkeit. Sie trägt eine Papyrusstaude auf dem Kopf und steht vermutlich für eine matriarchale Gottheit eines vormals gleichberechtigten Fluss/Hirten-Volkes aus dem Bereich, wo es Leoparden gab, denn sie trägt oft ein solches Fell.
Woher nehmen Toth und Seschet die Tinte, mit der sie das Bild der Wirklichkeit pikturieren? Wenn wir genau hinschauen, sehen wir sehr ähnliche Hirtenstäbe in Thot´s und Seschets Händen, die gezackt sind, wie eine lange Säge. Damit outen sich Thot und Seschet als Piktografen der Zeit, denn die Kerben der sägeartigen Hirtenstäbe sind Zeitkerben*; beide also geben ihre Gestaltkraft mit kleinen Mal-, bzw. Zaubergriffeln, aus denen das Bild entsteht, in welchem sitzend Amon, der Widder-Gott tront. Merkwürdigerweise ist er maskiert. In der Hand hält er das Anch-Kreuz, den Schlüssel des Lebens. Seschet und Thot, die beiden Hüter der Zeit, haben oben an ihren Stäben einen, bzw. sogar zwei Käfige hängen. Hier muß man wieder genau die Geschichte lesen: alle Käfige sind Käfige des Ich, sie haben eine Aufteilung und näher herangezoomt würden wir innen einen Löwen und auf der anderen Seite einen Kater erkennen. Ein Bild für das Löwe- oder Sozial-Ich und das Intim-Ich andererseits, wie Edeltraut Lukas-Moeller schreibt.
Das ganze Bild ist eine Seelenmetapher, wie Sechet und Toth aus dem Jenseits die pralle Widder- und Dreschflegelwirklichkeit via Zeichnung bilden. Mond ist in dieser Figur Teil des Jenseits. In den kleinen Käfigen transportieren sie Seelen vom Jenseits ins Diesseits.
Und noch mehr sagt das Bild. Wenn wir es gemäß dem grafische Code interpretieren, der sich aus der Zugehörigkeit zum Hintergrund bildenden Lebensbaum ergibt, oder entsprechend – aus dem außerhalb stehen, wie die ganze Figur des Ibis-köpfigen Toth, der den „zugeklappen“ Sichel-Mond als Neumond-Symbol und den Vollmond in dessen Gefäß auf dem Kopf trägt, steht außerhalb, also im Jenseits. Er hat einen kleinen Käfig, Seschet hat zwei und steht im Disseits. Da hat sich also etwas verdoppelt, wie bei den Chromosomen. Überhaupt bilden Seschet und Amon ein Paar, in welchem aber sie, Seschet, durch die Zeichen-Magie ihres Malstabs zur Wirklichkeits-bildenden Kraft ebenso gehört, und sich daher ein Gegensatz von stehen und sitzen zwischen Mann und Frau, Adam und Eva, den Schafzüchtern und den Nilfischern ergab, zwischen Patriarchat und Papyrus-Mutterrecht.
Er, der sitzende Pharao mit Maske und aufgesetztem Kunst-Bart konnte wohl nicht selbst schreiben, sondern zeigt sich philosophisch als passives Prinzip, unterstrichen durch die Sitz-Haltung. Auf dem Kopf trägt er ein Symbol zwischen Blume, Gefäß, Gebährmutter und Skarabäus, alles Symbole der Fruchtbarkeit, also weibliche Insignien auf dem Kopf einer männlichen Gottheit, doch von ihr selbst, der langharigen und dunkelhaarigen Seschet erst gezeichnet, denn das ist ja eben das Feine und die Ebene der Transzendenz des Bildes, daß die im Bild befindlichen Figuren das Bild selbst auch selbst malen.
Mit freundlichen Grüßen,
Markus
Vollmond 19.03.2011 18:10 Nürnberg
* Andere Darstellungen zeigen deren Abzählen.

Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.