Bertold Brecht, 10. Februar 1898 um 4:30 in Augsburg, aktueller denn je. Es hat nur wenig genützt, dass die Germanisten in den Gymnasien ihre Schüler vor dreißig Jahren mit Brecht erziehen wollten. Heute glauben sie wieder an Propaganda.
Geglaubt wird, wie bräuchten ein Bildungswesen der Auslese und nicht der Förderung. Comic-Strip mäßig wird der Übervater der Selektion – Darwin – gefeiert, als könnte eine Hohlformel sich der Qualität des Lebens auch nur einen Millimeter nähern: „Staub“ denkt darüber nach, wie es wohl dazu kam, dass er per Zufall darüber nachzudenken in die Lage versetzt wurde, wie lebendig organisierter Staub denken kann.
Sie schauen zu, wie Milliarden und Abermilliarden durch erpresserische Bankenbankrotte für das Gedeihen der Wirtschaft und den Erhalt der Arbeitsplätze „geopfert“ werden, während es in Wirklichkeit nur darum geht, ein System der Weltsklaverei aufrecht zu erhalten, in dem die protektionistisch orientierten Überflussländer die Armen auspressen bis zum letzten Tropfen Wasser, während sie gleichzeitig stetig davor warnen, diese armen Länder könnten ihre Märkte abzuschotten.
Sie wollen uns glauben machen, die armen Bauern in Afganistan wären mit unseren Soldaten zu retten, während offensichtlich der Heroin-Handel durch dunkle Kanäle zur Finanzierung des Krieges auf beiden Seiten dient, und unsere Rüstungsindustrie Familienvätern (und Müttern!) Arbeitsplätze garantiert, die für die Bundeswehr am Hindukush allenfalls ein Nachschubproblem sind.
Weiss machen wollen sie uns auch, dass wir eine Gesundheitsreform brauchen, während doch gleichzeitig die großen Pharmakonzerne von der Krise nichts spüren und offensichtlich die Einzigen sind, die von steigenden Kosten des Gesundheitssystems nichts merken, dafür jedoch jährlich exorbitant steigende Einnahmen zu verbuchen haben.
Wir hätten Demokratie, wie behauptet, doch gleichzeitig verweigert man dem angeblichen Souverän in Europa selbst über seine Verfassung zu entscheiden und dirigiert lieber in endlosen undurchsichtigen bürkratischen Schleifen quasi feudalistisch Macht von oben.
Und sie wollen uns weiss machen, dass es eine Forschung gibt, die Millarden verschlingt, und Jahr für Jahr Abermillionen von Versuchstieren dem Foltertod preisgibt, dass aber dies der Gesundheit von allen dient, und es keinen anderen Weg gibt, endlich von Krankheiten erlöst zu werden.
Dass wir, während wir hier noch nicht einmal unsere Brüder und Schwestern ernähren können, doch Milliarden und Abermilliarden brauchen, um einen Teilchenbeschleuniger zu bauen, mit dem man hofft, die Energie der Sonne zu erzeugen, um letztendlich zu erfahren, ob Materie aus Energie, oder doch nur aus Geist besteht.
Jupiter-Mond in der Waage (Theater!), Haus des Veröffentlichens, Neptun, Herr des Schreib-Hauses 3 im Feld der praktischen Arbeit …
Bertold Brecht
Notwendigkeit der Propaganda
1
Es ist möglich, daß in unserem Land nicht alles so geht, wie es gehen sollte.
Aber niemand kann bezweifeln, daß die Propaganda gut ist.
Selbst Hungernde müssen zugeben
Daß der Minister für Ernährung gut redet.
2
Als das Regime an einem einzigen Tage
Tausend Menschen erschlagen ließ, ohne
Untersuchung noch Gerichtsurteil
Pries der Propagandaminister die unendliche Geduld des Führers
Der mit der Schlächterei so lange gewartet
Und die Schurken mit Gütern und Ehrenstellen überhäuft hatte
In einer so meisterlichen Rede, daß
An diesem Tage nicht nur die Verwandten der Opfer
Sondern auch die Schlächter selber weinten.
3
Und als an einem andern Tage das größte Luftschiff des Reiches
In Flammen aufging, weil man es mit entzündbarem Gas gefüllt hatte
Um das nicht entzündbare für Kriegszwecke zu sparen
Versprach der Luftfahrtminister vor den Särgen der Umgekommenen
Daß er sich nicht werde entmutigen lassen, worauf
Sich lauter Beifall erhob. Selbst aus den Särgen
Soll Händeklatschen gekommen sein.
4
Und wie meisterhaft ist die Propaganda
Für den Abfall und für das Buch des Führers!
Jedermann wird dazu gebracht, das Buch des Führers aufzulesen
Wo immer es herumliegt.
Um das Lumpensammeln zu propagieren, hat der gewaltige Göring
Sich als den größten Lumpensammler aller Zeiten erklärt und
Um die Lumpen unterzubringen, mitten in der Reichshauptstadt
Einen Palast gebaut
Der selber so groß wie eine Stadt ist
5
Ein guter Propagandist
Macht aus einem Misthaufen einen Ausflugsort.
Wenn kein Fett da ist, beweist er
Daß eine schlanke Taille jeden Mann verschönt.
Tausende, die ihn von den Autostraßen reden hören
Freuen sich, als ob sie Autos hätten.
Auf die Gräber der Verhungerten und Gefallenen
Pflanzt er Lorbeerbüsche. Aber lange bevor es soweit war
Sprach er vom Frieden, wenn die Kanonen vorbeirollten.
6
Nur durch vortreffliche Propaganda gelang es
Millionen davon zu überzeugen
Daß der Aufbau der Wehrmacht ein Werk des Friedens bedeutet
Jeder neue Tank eine Friedenstaube ist
Und jedes neue Regiment ein neuer Beweis
Der Friedensliebe.
7
Allerdings: vermögen gute Reden auch viel
So vermögen sie doch nicht alles. Manchen
Hat man schon sagen hören: schade
Daß das Wort Fleisch allein noch nicht sättigt, und schade
Daß das Wort Anzug so wenig warm hält.
Wenn der Planminister eine Lobrede auf das neue Edelgespinst hält
Darf es nicht dabei regnen, sonst
Stehen seine Zuhörer im Hemd da.
8
Und noch etwas macht ein wenig bedenklich
Über den Zweck der Propaganda: je mehr es in unserem Land Propaganda
Desto weniger gibt es sonst.

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