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Urwald oder Park?

Nürnberg 22:15 – In meiner Kindheit gab es Bilderbücher des technischen Fortschritts, die zeigten uns eine Entwicklung auf, nach der spätestens im Jahr 2000 keine qualmenden Otto-Motoren sich durch enge Gassen quälen würden, sondern man sah futuristische Konzepte von elektoangetriebenen Luftkissenfahrzeugen. Zwar legte man das Wort „Fortschritt“ im Westen und im Osten etwas anders aus, doch egal ob Kombinat oder Staubsauger, man wußte, was gemeint war.

Fotos Markus Termin ©

Heute scheint man sich brav an der Realität des Machbaren zu orientieren. Saturn steht dazu passend in der Jungfrau. Doch wenn dieses Prinzip durchläuft, so will es dadurch auch endlich verarbeitet werden, sogar überwunden. In Nürnberg wurde jüngst die „führerlose“ U-Bahn als Ereignis gefeiert, und obwohl sie in einer Pannenserie steckt, soll das Konzept auf weitere Linien erweitert werden. Ich würde mir jedoch, passend zur Uranus-Saturn Opposition und zur anhaltenden Rezeption von Neptun und Uranus, etwas völlig anderes wünschen: eine völlig neue Sichtweise auf die Technik. Man müßte den Motor umdrehen, der zur Zeit die Natur zerstörend arbeitet, und dafür sorgen, dass Prozesse des Wachstums lohnend immer nur Prozesse der Verträglichkeit von Natur und Kultur sind. Das ist, theoretisch, möglich. Es rechnet sich sogar. Tut man es nicht grundsätzlich, ist kein einziges Propaganda „Kliemaziel“ zu erreichen, den ein verbrauchendes Wirtschaftswachstum wird immer zusätzliche Energie erfordern. Warum wird es nicht gemacht? Unter der Vorgabe des vermeintlichen Nutzens und der vermeintlichen Gewinnmaximierung lebt sich eine destruktive Wut auf die Natur aus, wobei Natur sowohl die äußere Natur ist, als auch unsere eigene, innere Natur. Teile dieser Anschauung sind wohlbegründet: ein Tsunami oder ein Hurrican lassen Pfützen zurück, in denen Mücken brüten, die ganze Landstriche nahezu unbewohnbar machen. Menschen lassen Menschen zurück, schlimmer, als wenn ein Tsunami drüber gegangen wäre. Wir brauchen ein neues Verständnis, eine neue Balance von Kultur und Natur. Wenn der Mensch eine ursprüngliche Landschaft auch nur fotografiert, hat er sie auch schon in seinen Kulturraum integriert, und das ist gut so. Möglicherweise haben Menschen die Landschaften dieser Erde schon immer sehr viel stärker geprägt, als wir uns das überhaupt vorstellen können. Vielleicht gibt es überhaupt nur Kulturlandschaften? Deutschland jedenfalls ist eine reine Kulturlandschaft, mühsam den baumlosen Sümpfen nach der Eiszeit abgerungen. Der Amazonas? Vielleicht nur ein riesiger verwilderter Garten. Die Antarktis? Man darf gespannt sein, was sich dort unterm Eis wirklich befindet. Die Sahara? Liegt auf einem riesigen Süßwassersee unter der Erde, war noch in historischen Zeiten Kornkammer, die Wüste viel kleiner. Deshalb meine ich, wir sollten ruhig etwas utopischer denken. Die Natur ist schön, aber sie ist nicht idyllisch. Wir müssen den Standpunkt des Menschen neu definieren, Abstand nehmen von Natur-Verklärung und Natur-Zerstörung, die sich gegenseitig zu bedingen scheinen. Die Techniken für die Utopie sind da: leicht ließe sich in Deutschland ein Nahverkehrssystem aus GPS gesteuerten Elektroautos realisieren, in dem es keine „Verkehrsopfer“ mehr zu verrichten gibt. Hier ist es notwendig, zu fragen „Warum brauchen wir Opfer?“ Angeblich zurückgehende Zahlen als Beruhigungspille und die ins Gewohnte gehenden „tausende“. Und es wäre eine große Geste, wenn die christlichen Kirchen sich dieser Frage öffnen würden, sich also Rechenschaft darüber ablegen würden, wozu sie denn das Jesus-Opfer wirklich brauchen? Die Antwort auf diese Frage ist der Schlüssel zu unserer Zivilisation. Fallen müßte dafür die Idee der Raserei als Männlichkeits-Protz-Gehabe. Es gibt andere Wege, um Männlichkeit zu beweisen, neue vielleicht. Doch das erste ist: zu erkennen, wie absurd rückständig gerade diejenigen sind, die den technischen Fortschritt auf ihre Fahnen geschrieben haben. Es wird Zeit, dass die Kultur wieder übernimmt und sich nicht von Teilchenbeschleunigern die Ziele vorgeben läßt.