Foto Markus Termin ©
Nürnberg 16:37 – Oben seht ihr eine nicht nur von mir selbst vor wenigen Tagen fotografierte Rebe, sondern auch den vor Jahren von mir gepflanzten Weinstock. Er wächst mitten in der Stadt an einem geheimen Ort. Man nennt das heute „Guerilla Gärtnern“. Nur eine Nachbarin und ich wissen davon, und jeden Herbst liefert uns der Stock mehr und mehr süße Trauben, aus denen ich allerdings keinen Wein keltere, obwohl ich das vor Zeiten im Markgräflerland in der Winzerei Küchlin sogar mal ein wenig gelernt habe. Unten ist ein kleiner aber berühmter Ausschnitt der Wandmalereien einer Villa, die sich nach Ausgrabungen in Popeii gefunden haben, die als Villa der Mysterien bezeichnet wird. So wenig wir über die antiken Mysterien wissen, so klar sind diese Bilder lesbar, denn sie zeigen den Verlauf einer Einweihung in einen Kult, welcher, wie alle anderen Kulte auch, der Bewußtseinserweiterung diente.

Dabei spielte der Wein eine wesentliche Rolle, wobei wir bedenken müssen, dass Wein damals ein Mischgetränk war, dem oftmals außer Honig noch ganz andere Dinge beigemischt wurden, die wir heute als starke und vielleicht sogar illegale Drogen bezeichnen würden. Aus den Fresken geht hervor, dass es einen ritualisierten Ablauf der Einweihung gab. Jedes Bild in dem roten Raum zeigt einen Seelenzustand der Einzuweihenden. Mal wird sie als Kind, mal als als reife Frau dargestellt, mal in Trauer, mal wissbegierig, mal tanzend und voller Freude. Das Wissen, welches die Einweihung vermittelte, lag also jenseits dieser Zustände, sogar jenseits von Jugend und Alter. Bezeichnend ist, dass alle, die den Weg der Einweihung beschritten, dieselben Erlebnisse machten. Zum einen waren sie geführt von kundigen PriesterInnen, zum anderen aber ging es gerade darum, eine Reise durch die Bilder nicht des individuellen, sondern des kollektiven Bewußtseins zu machen. Denn man wußte damals: nicht nur eine Erinnerung an unsere eigene Geschichte haben wir als Gedächtnis, sondern viel mehr noch eine Erinnerung an Dinge, die wir selbst als Teil der Menschheit vor langer Zeit erlebt haben, und je tiefer diese Erinnerung zurückreicht, um so weniger kann von individueller Erinnerung gesprochen werden. So war es in den Mysterien möglich, ganz wie in einem Film, eine Geschichte im Inneren der Einzuweihenden sich abspielen zu lassen, durch die sie sich tief getröstet und mit dem Weltganzen vollkommen harmonisch verbunden fühlten, ohne weiter Angst vor dem Leben oder dem Tod zu haben, denn sie hatten das Jenseits zu dieser Pforte in der Einweihung überschritten. Dionysos, der mit dem Efeu und dem Wein verehrt wurde, war dabei einer von vielen Göttern der Antike, die getötet, zerstückelt und sogar gegessen wurden, um hernach wieder aufzuerstehen. Diese Wiederauferstehung wurde konkret als Wesen der Fruchtbarkeit verehrt und vollzogen, und das „Sterben des Gottes“ fand oft genug als ritualisierter Wahnsinn und konkrete Kastration statt. Es mag furchtbar klingen, aber auch Jesus ist so ein Dionysos. Dass er dessen Mysterien in gewissem Sinn übernommen hat, zeigt die Hochzeit von Kanaan, wo er Wasser in Wein verwandelt, und auch die katholische Lithurgie, wo durch Wein sein Blut repräsentiert wird. Inwiefern der kannibalistische Aspekt als tiefste Grundlage des Kults verdrängt wird, oder gar in jenem dämmerhaften Bewußtseinszustand präserviert wird, in dem, genau wie beim Dionysos-Kult, der kollektive Erinnerungshintergrund an eine grausame Vergangenheit – also unsere Schuld – wachgehalten wird, dessen sublimierter Zwischenschritt die Circumcision wurde, die Jesus, zumindest prinzipiell, als Zeichen des Bundes aufkündigte, das mag dahingestellt sein.
Astrologisch ist der Wein eine Sonnen-Pflanze, so, wie der Augentrost, der Ingwer, die Pfingstrose, der Aloesaft, Gerste, Lavendel, natürlich Zitronen und Apfelsinenbäume und Arsen (?) … Insofern kann ich hier die allzu frühe Weinernte durch die Sonne im Löwen rechtfertigen. Seehund, Flusskrebs, Languste und Seestern sind „ihre“ Fische. Ihr Orbis beträgt 15° vor und nach der Konjunktion, sagt Lilly. Ist ja auch logisch, denn die Venus und alle Planeten sind vorher durch ihr Licht abgedeckt und unsichtbar, selbst wenn sie schon hinterm Horizont verschwunden ist.

Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.