Hartkirchen bei Passau – 12:36 – Hermes Merkur nähert sich wieder der Sonne. Am dreißigsten Juli wird er im Herzen der Sonne, oder besser: hinter ihrem Rücken eine Kunjunktion eingehen. Dies ist nicht die Konjunktion in der Rückläufigkeit. Es geht hier um ganz andere Dinge. Merkur steht nicht zwischen Erde und Sonne, sondern wird, im Gegenteil, vollständig von der Sonne „geschluckt.“ Die Sonne im Löwen und ihr Sohn, der Logos, Gott der Intelligenz und des Zaubers, sind dieser Tage Eins. Es sind die Tage, an denen man Wahrtraume haben kann, wenn man zufällig grashalmkauend zur Mittagszeit im Schatten einer Eibe schlummert. Menschen mit dieser Konstellation im Geburtshoroskop haben das Glück, ihr Sonnen-Ich und ihren Geist gemeinsam fördern und fokussieren zu können. Alles, was klug ist, läßt auch ihr Wesen erstrahlen. Schön, wenn ein König so sein kann. Der Kult des Hermes kommt ursprünglich aus Samothrake (Σαμoθράκη). Es ist der älteste Kult der alten Hellenischen Welt. Auf der Insel gab es ein Heiligtum, in dessen Mysterien man sich einweihen lassen konnte. Es war das Heiligtum der „großen“ Götter, der sogenannten Kabiren, von denen Hermes einer ist. Einweihung bedeutete, in die Geheimnisse des Jenseits und der Wiedergeburt eingeweiht zu sein. Wenn Jesus sagt: „Die Pharisäer haben den Schlüssel zum Himmelreich selbst nicht benutzt, sondern auch noch weggeworfen (sinngemäß),“ so meint er dies: das der Zugang zu den Mysterien versperrt war. Einweihung war nicht einfach nur Wissen, sondern Erleben. Man wurde geführt, wochenlang vorbereitet, hatte eine Diät einzuhalten, wurde in Tempelschlaf versetzt und bekam wahrscheinlich eine LSD-haltige Droge zu trinken. Wir wissen darüber nicht allzuviel, weil das Stillschweigen über diese Geschehnisse bei der Einweihung während der gesamten Antike gewahrt wurde. Bekannt ist allerdings, dass die Eingeweihten ruhig und gelassen ihrem zukünftigen Schicksal entgegensahen, weil sie nunmehr wußten, was kommen würde nach diesem Leben. Unten finden sich Beispiele einer Sichtweise, die Hermes` Wirken interpretiert. Ein liegender Hermes vor der ehemaligen SchmidtBank: ob dieser Frevel zum Konkurs geführt hat? Auch der obere, klassizistische Flügelschuhgott balanciert zwischen der stacheligen Taubenabwehr; doch ist dies nur im Zoom der Fotografie sichtbar. Er gehört mit seinem blanken Po sicherlich zu den anmutigsten Figuren der Stadt und begleitet den aufmerksamen Beobachter in der Königsstrasse beim Eintritt durchs Haupttor. Die Geste des Winks in den Himmel, mit dem auch Terroristen auf Propaganda-Fotos sich zu legetimieren versuchen, passt wenig zu den merkantilen Absichten, mit denen Merkur von den Kaufleuten (und Dieben) in Beschlag genommen wird. Dies ist eindeutig der Zwillings-Hermes, der auf den Geist verweist. Der liegende Gott unten scheint den oberen zu zitieren. Wenn er stünde, da gebe ich dem Künster recht, käme er nicht so recht vom Fleck. Trotzdem ein Frevel. Von seinem ersten Gehalt als Buchhändler kaufte sich Hermann Hesse (2. Juli 1877 in Calw) einen Gipsabdruck der berühmten Hermes-Büste von Praxiteles. Und tatsächlich lohnte diese Ausgabe, denn Hesse war sein Leben lang frei von materiellen Sorgen. Hermes ist ein „phallischer“ Gott, und so sollen die Bilder unten ihm zur Ehre auch eine „phallische“ Ordnung annehmen.





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